Die Schusswaffenkriminalität in Berlin ist deutlich gestiegen, obwohl die Zahl der Straftaten insgesamt zurückgeht. 2025 registrierte die Polizei 515 Fälle, in denen tatsächlich geschossen wurde – deutlich mehr als im Vorjahr. Ermittler verweisen auf illegale Waffen und Konflikte in kriminellen Milieus, zugleich erschwert eine geänderte Erfassung den direkten Vergleich.

Berlin, 16. August 2026. Mehrere Schusswaffenvorfälle haben die Debatte über Gewalt und Sicherheit in der Hauptstadt neu angefacht. Am Bahnhof Zoologischer Garten wurde im August ein 30-Jähriger erschossen, wenige Tage später trafen Schüsse einen 40 Jahre alten Mann in einer Bar in Baumschulenweg. Auch aus anderen Teilen der Stadt wurden zuletzt Fälle gemeldet, bei denen Schusswaffen eingesetzt wurden.

Der Eindruck einer umfassenden Gewaltwelle greift jedoch zu kurz. Die verfügbaren Zahlen zeigen ein widersprüchliches Bild: Während die Gesamtkriminalität in Berlin zurückgeht, nimmt die Schusswaffenkriminalität deutlich zu. Genau darin liegt die eigentliche Entwicklung, die Polizei und Justiz beschäftigt.

Schusswaffenkriminalität in Berlin steigt deutlich

Nach Angaben der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und der Polizei wurden 2025 insgesamt 1.119 Straftaten erfasst, bei denen mit einer Schusswaffe gedroht oder tatsächlich geschossen wurde. Im Jahr zuvor waren es 666 Fälle. Rein rechnerisch entspricht das einem Anstieg von 68 Prozent.

Diese Zahl braucht allerdings eine genauere Einordnung. Denn sie fasst zwei unterschiedliche Formen der Schusswaffenkriminalität zusammen. 2025 registrierte die Polizei 604 Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde. In 515 Fällen fielen tatsächlich Schüsse. 2024 waren es 303 Drohungen und 363 Fälle mit Schussabgabe.

Kategorie20242025
Drohung mit Schusswaffe303604
Schussabgabe363515
Gesamt6661.119

Damit stieg die Zahl der registrierten Fälle, in denen wirklich geschossen wurde, um rund 42 Prozent. Der Anstieg ist erheblich. Er fällt aber klar niedriger aus als die häufig genannte Steigerung von 68 Prozent, die auch bloße Drohungen mit Waffen umfasst.

NADR Überblick

Das Wichtigste zusammengefasst

Die Schusswaffenkriminalität in Berlin ist 2025 deutlich gestiegen, während die Gesamtkriminalität zurückging. Ein Teil des statistischen Anstiegs wird durch eine seit 2025 genauere Erfassung der Waffenverwendung beeinflusst.

Was ist passiert?
2025 registrierte die Polizei 604 Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde.
Was ist bestätigt?
In 515 Fällen fielen tatsächlich Schüsse.
Was bedeutet das?
Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sank die Zahl aller registrierten Straftaten 2025 von 539.049 auf 502.743 Fälle.
Was ist noch offen?
Wie groß der jeweilige Anteil ist, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Daten nicht bestimmen.
Was gilt konkret?
Wie rbb24 unter Berufung auf die Berliner Polizeipräsidentin berichtete, beobachten die Sicherheitsbehörden, dass Auseinandersetzungen in solchen Strukturen teilweise schneller mit Waffen eskalieren.

Die Gesamtkriminalität in Berlin sinkt

Gerade dieser Unterschied ist für die Einordnung entscheidend. Die Schusswaffenkriminalität in Berlin entwickelt sich anders als das allgemeine Kriminalitätsgeschehen. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sank die Zahl aller registrierten Straftaten 2025 von 539.049 auf 502.743 Fälle. Das entspricht einem Rückgang um 6,7 Prozent.

Auch bei den sogenannten Rohheitsdelikten zeigt sich kein vergleichbarer Anstieg. Dazu zählen unter anderem Raub und Körperverletzung. Die Zahl dieser Delikte ging leicht von 81.460 auf 80.541 Fälle zurück.

Eine pauschale Aussage, Berlin werde insgesamt massiv gewalttätiger, lässt sich deshalb aus den amtlichen Zahlen nicht ableiten. Sichtbar wird vielmehr ein spezifisches Problem: Schusswaffen spielen bei bestimmten Straftaten eine größere Rolle als zuvor.

Neue Erfassung verzerrt den direkten Vergleich

Hinzu kommt ein methodischer Effekt. Die Berliner Innenverwaltung weist darauf hin, dass die Verwendung von Waffen seit 2025 im polizeilichen Informationssystem verpflichtend genauer erfasst wird. Der starke statistische Anstieg bildet deshalb nicht ausschließlich eine reale Veränderung auf den Straßen ab.

Nach Angaben der Senatsverwaltung wirken zwei Entwicklungen gleichzeitig: Einerseits gibt es tatsächlich mehr registrierte Fälle mit Schusswaffen. Andererseits führt die präzisere Dokumentation dazu, dass Fälle vollständiger in der Statistik auftauchen als zuvor.

Wie groß der jeweilige Anteil ist, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Daten nicht bestimmen. Eine belastbare Berechnung, die den Erfassungseffekt vom tatsächlichen Anstieg trennt, liegt nicht vor. Gerade deshalb sollten die 68 Prozent nicht als einfache Kennzahl für eine ebenso starke reale Zunahme der Gewalt verstanden werden.

Illegale Waffen beschäftigen Polizei und Staatsanwaltschaft

Für den Teil der Entwicklung, der sich tatsächlich im Kriminalitätsgeschehen abzeichnet, nennen Ermittler mehrere Faktoren. Im Mittelpunkt steht die Verfügbarkeit illegaler Schusswaffen in bestimmten kriminellen Milieus.

Wie rbb24 unter Berufung auf die Berliner Polizeipräsidentin berichtete, beobachten die Sicherheitsbehörden, dass Auseinandersetzungen in solchen Strukturen teilweise schneller mit Waffen eskalieren. Konflikte, die früher möglicherweise ohne Schusswaffe ausgetragen worden wären, können dadurch gefährlicher verlaufen.

Die Polizei sieht dabei Zusammenhänge mit organisierter Kriminalität, Schutzgelderpressungen und Auseinandersetzungen im Drogenmilieu. Eine einzige Ursache für die gestiegene Schusswaffenkriminalität gibt es jedoch nicht. Auch private oder familiäre Konflikte können dazugehören.

Welche Waffen die Ermittler im Blick haben

Besonders relevant sind aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden illegal beschaffte Pistolen und andere Schusswaffen. Hinzu kommen umgebaute Schreckschusswaffen, die scharfe Munition verschießen können. Vereinzelt beschäftigen sich Ermittler auch mit technisch veränderten oder neu hergestellten Waffen.

  • illegal beschaffte Pistolen und andere Schusswaffen,
  • umgebaute Schreckschusswaffen,
  • Waffen im Umfeld von Schutzgeld- und Erpressungsdelikten,
  • Schusswaffeneinsatz bei Konflikten im Drogen- und organisierten Kriminalitätsmilieu,
  • nach Beobachtung der Strafverfolger teilweise jüngere Tatverdächtige.

Oberstaatsanwalt Thorsten Cloidt berichtete zudem von Fällen, in denen jüngere Täter über das Internet für Straftaten angeworben worden seien. Diese Beobachtung stammt aus einem spezialisierten Ermittlungsbereich. Sie erlaubt keine Aussage darüber, dass sämtliche Schusswaffendelikte in Berlin demselben Muster folgen.

„Ferrum“ und „Telum“ sollen Schusswaffendelikte bündeln

Die Berliner Sicherheitsbehörden haben auf die Entwicklung mit eigenen Ermittlungsstrukturen reagiert. Beim Landeskriminalamt arbeitet seit November 2025 die Besondere Aufbauorganisation „Ferrum“. Bei der Staatsanwaltschaft kam Ende Februar 2026 die Ermittlungsgruppe „Telum“ hinzu.

Bis Mitte August hatte „Ferrum“ nach Behördenangaben mehr als 600 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Mehr als 3.800 Fahrzeuge wurden kontrolliert, ebenso 866 Lokale oder Geschäfte. Rund 280 Personen wurden vorübergehend festgenommen.

Mehr als 50 Verdächtige befanden sich in Untersuchungshaft. Insgesamt waren 68 Haftbefehle erlassen worden. Die Staatsanwaltschaft hatte ihrer Ermittlungsgruppe „Telum“ bis Anfang August 197 Verfahren zugewiesen; in elf Fällen war bereits Anklage erhoben worden.

Die Zahlen verdeutlichen, wie stark Polizei und Justiz ihre Arbeit auf den Bereich der Schusswaffenkriminalität konzentrieren. Sie lassen allerdings keine Rückschlüsse darauf zu, dass sämtliche kontrollierten Personen oder Betriebe selbst an entsprechenden Straftaten beteiligt waren. Auch eine einheitliche Täterstruktur lässt sich daraus nicht ableiten.

Kein Beleg für einen allgemeinen „Bandenkrieg“

Die Vielzahl der Fälle und die spektakulären Einzelereignisse können den Eindruck erwecken, hinter den Schüssen stehe ein zusammenhängender Konflikt. Dafür gibt es nach den bisherigen Angaben der Sicherheitsbehörden keinen belastbaren Beleg.

Die Berliner Polizeiführung hat ausdrücklich davor gewarnt, sämtliche Fälle als Teil eines allgemeinen „Bandenkriegs“ zu interpretieren. Die Ermittlungen betreffen unterschiedliche Tatkomplexe, Milieus und Motive. Manche stehen im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität oder Erpressung, andere offenbar nicht.

Auch die jüngsten Fälle lassen sich nicht ohne Weiteres miteinander verbinden. Beim Angriff auf einen 40-Jährigen in Baumschulenweg übernahm eine Mordkommission die Ermittlungen. Ein Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen am Bahnhof Zoologischer Garten wurde zunächst nicht festgestellt.

Ein eng umrissenes Sicherheitsproblem mit hoher Wirkung

Die Schusswaffenkriminalität in Berlin ist ein reales und ernstes Problem. 515 registrierte Fälle mit Schussabgabe im Jahr 2025 gegenüber 363 im Jahr zuvor markieren eine deutliche Veränderung. Gleichzeitig verbietet sich die einfache Gleichung, Berlin werde deshalb insgesamt dramatisch gewalttätiger.

Die Kriminalitätsstatistik zeigt vielmehr zwei Entwicklungen nebeneinander: weniger Straftaten insgesamt, aber mehr Fälle mit Schusswaffen. Ermittler sehen vor allem illegale Waffen und Konflikte in bestimmten kriminellen Strukturen als zentrale Herausforderung. Wie groß der langfristige Trend tatsächlich ist, wird sich erst zeigen, wenn die Daten über mehrere Jahre unter vergleichbaren Erfassungsbedingungen vorliegen.

Bis dahin bleibt die Lage widersprüchlich. Die Hauptstadt ist statistisch nicht pauschal unsicherer geworden. Doch dort, wo Schusswaffen ins Spiel kommen, hat sich die Situation deutlich verschärft.