
Leipzig, 12. Januar 2026 – Connewitz wirkt in diesen Tagen angespannt wie selten zuvor. In den Straßen des traditionsreichen Szeneviertels verdichten sich politische Frontlinien, die sonst oft nur in sozialen Netzwerken sichtbar sind. Am kommenden Samstag könnte sich zeigen, wie tief die Gräben innerhalb der linken Szene inzwischen verlaufen.
Der 17. Januar rückt näher, die Mobilisierung läuft auf Hochtouren. Zwischen Solidaritätsbekundungen, gegenseitigen Vorwürfen und Sicherheitsvorkehrungen wächst die Sorge vor einer Eskalation mitten in Leipzig.
Im Leipziger Stadtteil Connewitz zeichnet sich für den 17. Januar eine Situation ab, die weit über eine gewöhnliche Demonstration hinausgeht. Palästinasolidarische Gruppen haben zu einem Aufzug im Viertel aufgerufen, während sich zugleich israelsolidarische Antifa-Strukturen zu Gegenkundgebungen formieren. Was auf den ersten Blick wie ein klassischer politischer Protest erscheint, offenbart bei genauerem Hinsehen einen tiefgreifenden innerlinken Konflikt, der das Selbstverständnis eines ganzen Milieus infrage stellt.
Demonstrationen am 17. Januar in Connewitz
Geplant ist eine Demonstration unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“. Der Aufruf stammt von mehreren palästinasolidarischen Initiativen aus Leipzig, darunter Handala Leipzig und Students for Palestine Leipzig. Als Startpunkt ist der Basketballplatz nahe dem Connewitzer Kreuz vorgesehen, von dort soll sich der Demonstrationszug durch zentrale Teile des Stadtteils bewegen.
Die Route ist nicht zufällig gewählt. Nach den Mobilisierungsaufrufen sollen symbolträchtige Orte der linken Szene angesteuert werden, darunter das linXXnet sowie das Kulturzentrum Conne Island. Beide Einrichtungen gelten seit Jahren als feste Bestandteile der politischen und kulturellen Infrastruktur in Connewitz – und stehen nun selbst im Fokus scharfer Kritik.
Parallel dazu mobilisieren Gruppen aus dem antideutschen Spektrum der Leipziger Antifa. Sie rufen zu Gegenkundgebungen auf und machen deutlich, dass sie die palästinasolidarische Demonstration als Angriff auf israelsolidarische und antifaschistische Positionen verstehen. Die Polizei rechnet daher mit mehreren zeitgleichen Versammlungen im selben Stadtteil.
Connewitz als politischer Resonanzraum
Dass sich der Konflikt ausgerechnet in Connewitz zuspitzt, ist kein Zufall. Der Stadtteil gilt seit Jahrzehnten als Hochburg der linken Szene in Leipzig. Autonome Zentren, antifaschistische Initiativen, alternative Kulturprojekte und parteipolitische Strukturen prägen hier das Bild. Connewitz ist ein Ort politischer Selbstvergewisserung – aber auch ein Raum, in dem Konflikte offen ausgetragen werden.
Der aktuelle Streit verläuft entlang einer Bruchlinie, die innerhalb der deutschen Linken seit Jahren existiert, sich jedoch seit der Eskalation des Nahostkonflikts im Oktober 2023 deutlich verschärft hat. Auf der einen Seite stehen Gruppen, die sich klar israelsolidarisch positionieren und jede Relativierung antisemitischer Gewalt strikt ablehnen. Auf der anderen Seite formieren sich Initiativen, die ihre Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung betonen und den israelischen Militäreinsatz scharf kritisieren.
In Leipzig prallen diese Positionen nun unmittelbar aufeinander – und zwar nicht abstrakt, sondern auf denselben Straßen, in denselben Vierteln, innerhalb derselben politischen Szene.
Vorwürfe, Abgrenzungen, Eskalationspotenzial
Die Wortwahl in den Mobilisierungsaufrufen zeigt, wie verhärtet die Fronten sind. Palästinasolidarische Gruppen werfen Teilen der Antifa und linken Infrastruktur vor, den Krieg im Gazastreifen zu relativieren oder auszublenden. Einrichtungen wie das linXXnet und das Conne Island werden dabei nicht nur kritisiert, sondern ausdrücklich als politische Gegner markiert.
Umgekehrt warnen israelsolidarische Gruppen vor einer Normalisierung antisemitischer Narrative unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität. Sie sehen in der Demonstration am 17. Januar eine gefährliche Grenzverschiebung innerhalb der linken Szene und befürchten Übergriffe auf Personen und Orte, die bislang als Schutzräume galten.
- Palästinasolidarische Gruppen betonen ihre Kritik an israelischer Militärpolitik und fordern Solidarität mit der Zivilbevölkerung in Gaza.
- Israelsolidarische Antifa-Strukturen sehen darin eine problematische Verkürzung und warnen vor antisemitischen Anschlussfähigkeiten.
Politische Reaktionen und innerparteiliche Spannungen
Auch parteipolitisch hat die angekündigte Demonstration Wellen geschlagen. Teile der Partei Die Linke sowie deren Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität signalisierten Unterstützung für den Protest. Gleichzeitig existieren innerhalb der Partei formelle Unvereinbarkeitsbeschlüsse gegenüber einzelnen beteiligten Gruppen, was die Debatte zusätzlich anheizt.
Führende Vertreterinnen und Vertreter der Leipziger Linken stellten sich öffentlich hinter das linXXnet und das Conne Island. Sie verurteilten die aggressive Rhetorik der Mobilisierungsaufrufe und warnten vor einer Eskalation, die das Vertrauen innerhalb der linken Szene nachhaltig beschädigen könnte.
Auch zivilgesellschaftliche Akteure meldeten sich zu Wort. Der Flüchtlingsrat betonte, dass viele der angegriffenen Einrichtungen seit Jahren aktiv Geflüchtete unterstützen und sich gegen Rassismus engagieren. Die pauschale Darstellung dieser Orte als feindlich oder ausgrenzend sei nicht haltbar.
Sicherheitslage und Polizeieinsatz in Leipzig
Angesichts der aufgeheizten Stimmung bereitet sich die Polizei in Leipzig auf einen umfangreichen Einsatz vor. Bereits im Vorfeld wurde deutlich gemacht, dass mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei sowie zusätzliche Kräfte der Bundespolizei eingesetzt werden sollen. Ziel ist es, die verschiedenen Versammlungen räumlich zu trennen und direkte Konfrontationen zu verhindern.
Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden birgt der 17. Januar ein erhöhtes Konfliktpotenzial. Die Polizei rechnet mit einer hohen Teilnehmerzahl auf beiden Seiten und stellt sich auf kurzfristige Lageänderungen ein. Auch technische Mittel zur Lagebeobachtung, darunter Polizeihubschrauber, sind vorgesehen.
Für Anwohnerinnen und Anwohner bedeutet dies erhebliche Einschränkungen. Straßensperren, Verkehrsumleitungen und eine starke Polizeipräsenz werden das Bild in Connewitz prägen. Viele Bewohner verfolgen die Entwicklung mit Sorge, andere sehen darin eine notwendige Maßnahme, um Schlimmeres zu verhindern.
Connewitz zwischen Geschichte und Gegenwart
Die aktuelle Zuspitzung fügt sich in eine längere Geschichte politischer Auseinandersetzungen im Leipziger Süden ein. Connewitz war immer wieder Schauplatz von Protesten, Demonstrationen und auch gewaltsamen Konflikten. Besonders der rechtsextreme Überfall auf den Stadtteil vor rund einem Jahrzehnt ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent.
Vor diesem Hintergrund wirkt der nun drohende innerlinke Konflikt besonders schwerwiegend. Während Connewitz einst als geschlossener Raum gegen äußere Bedrohungen wahrgenommen wurde, richtet sich der Konflikt nun nach innen. Freund-Feind-Zuschreibungen verlaufen nicht mehr entlang klassischer politischer Linien, sondern spalten ein ohnehin heterogenes Milieu.
Ein Stadtteil im politischen Stresstest
Der 17. Januar könnte für Leipzig-Connewitz zu einem Wendepunkt werden. Unabhängig davon, ob es zu Ausschreitungen kommt oder nicht, ist bereits jetzt sichtbar, wie tief die Verunsicherung innerhalb der linken Szene reicht. Fragen nach Solidarität, Antifaschismus und politischer Verantwortung werden nicht mehr im Konsens beantwortet.
Connewitz steht damit exemplarisch für eine Debatte, die weit über Leipzig hinausreicht. Der Umgang mit dem Nahostkonflikt, die Grenzen legitimer Kritik und die Verantwortung gegenüber jüdischem Leben in Deutschland stellen linke Bewegungen vor Herausforderungen, die sich nicht länger verdrängen lassen. Der kommende Samstag wird zeigen, ob der Stadtteil einen Weg findet, diese Spannungen auszuhalten – oder ob die Risse weiter aufbrechen.