
05. Januar 2026 – Bargeld ist noch da, aber es bewegt sich anders als früher. Während Geldautomaten aus dem Straßenbild verschwinden, verlagert sich die Bargeldversorgung zunehmend an die Supermarktkasse. Verbraucherschützer sehen darin mehr als nur einen Komfortgewinn: Sie warnen vor einem schleichenden Bargeld-Engpass, der den Alltag vieler Menschen verändern könnte.
Der Griff zum Portemonnaie bleibt für viele Menschen in Deutschland selbstverständlich. Doch der Weg zum Bargeld hat sich verändert. Wo früher der Geldautomat an der nächsten Straßenecke stand, übernehmen heute Supermärkte, Discounter und Drogerien eine zentrale Rolle. Immer häufiger holen Kundinnen und Kunden ihr Bargeld direkt beim Einkauf an der Kasse – per Cashback. Was nach pragmatischer Alltagserleichterung klingt, entwickelt sich nach Einschätzung der Verbraucherzentralen zu einem strukturellen Risiko für die Bargeldversorgung insgesamt.
Der Bargeld-Engpass, vor dem Verbraucherschützer warnen, ist kein plötzliches Szenario, sondern das Ergebnis mehrerer langfristiger Entwicklungen: sinkende Filialzahlen der Banken, ein Rückzug von Geldautomaten aus ländlichen Regionen und eine stetig wachsende Dominanz digitaler Zahlungsmittel. Zusammengenommen verändern sie die Infrastruktur des Bezahlens – mit Folgen, die bislang vor allem im Hintergrund wirken.
Ein schleichender Wandel im Zahlungsalltag
Der Zahlungsverkehr in Deutschland befindet sich seit Jahren im Umbruch. Karten, Smartphones und kontaktlose Bezahlverfahren haben den Alltag erobert. Bargeld verliert an Bedeutung, bleibt aber weiterhin fest verankert. Nach Zahlen der Deutschen Bundesbank wurde im Jahr 2023 noch immer mehr als jede zweite alltägliche Zahlung bar abgewickelt. Gleichzeitig sinkt der Bargeldanteil am Umsatz kontinuierlich – ein scheinbarer Widerspruch, der die Ambivalenz des Wandels widerspiegelt.
Parallel dazu nimmt die klassische Bargeldinfrastruktur ab. Banken schließen Filialen, Geldautomaten werden abgebaut oder zusammengelegt. Für viele Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das längere Wege zum nächsten Automaten. In ländlichen Regionen, aber auch in Stadtrandlagen, wird Bargeld damit zur Frage der Erreichbarkeit. Der Bargeld-Engpass entsteht nicht aus einem Mangel an Geld, sondern aus der schwindenden Zugänglichkeit.
Cashback als neue Versorgungsader
In diese Lücke stößt seit einigen Jahren der Handel. Cashback-Angebote ermöglichen es, beim Bezahlen an der Kasse zusätzlich Bargeld abzuheben. Der Service ist weit verbreitet und wird von großen Lebensmittelketten ebenso angeboten wie von Drogeriemärkten. Für viele Kundinnen und Kunden ist das praktisch: Bargeld und Einkauf lassen sich verbinden, ohne einen zusätzlichen Weg in Kauf nehmen zu müssen.
Die Nutzung dieses Angebots hat sich rasant ausgeweitet. Nach Erhebungen des EHI Retail Institute wurden im Jahr 2023 mehr als 12 Milliarden Euro über Cashback-Auszahlungen im Handel ausgezahlt. Noch wenige Jahre zuvor lag das Volumen deutlich niedriger. Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Bargeldversorgung bereits in Richtung Handel verlagert hat – ein zentraler Punkt in der Debatte um einen möglichen Bargeld-Engpass.
Kosten und Konsequenzen für den Einzelhandel
Für den Handel ist Cashback kein kostenloser Service. Jede Bargeldauszahlung verursacht Gebühren, die sich prozentual am ausgezahlten Betrag orientieren. Nach Angaben des EHI summierten sich diese Kosten im Jahr 2023 auf mehr als 17 Millionen Euro. Damit ist Cashback nicht nur ein Serviceinstrument, sondern auch ein relevanter wirtschaftlicher Faktor für den Einzelhandel.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Viele Kundinnen und Kunden heben Bargeld ab, bezahlen ihren Einkauf aber gleichzeitig mit Karte. Das Bargeld verlässt die Kasse, ohne durch Barzahlungen wieder zurückzufließen. Sinkt der Bargeldanteil im Umsatz weiter, müssen Händler aktiv Bargeld nachbestellen. Für kleinere Geschäfte kann das zur Belastung werden – und langfristig dazu führen, dass Cashback-Angebote eingeschränkt oder ganz eingestellt werden.
Warum Verbraucherschützer Alarm schlagen
Die Verbraucherzentralen betrachten diese Entwicklung mit Sorge. Aus ihrer Sicht entsteht ein fragiles System, in dem Bargeld zwar noch verfügbar ist, seine Verteilung aber zunehmend von wirtschaftlichen Interessen des Handels abhängt. Der Bargeld-Engpass droht dort, wo sich der Rückzug der Banken und eine sinkende Bargeldakzeptanz im Handel gegenseitig verstärken.
Nach Einschätzung von Experten gilt ein Bargeldanteil von unter 25 Prozent am Umsatz als kritische Schwelle. Wird sie unterschritten, verliert Bargeld für Händler wirtschaftlich an Bedeutung. Die Folge könnten zusätzliche Gebühren, Einschränkungen beim Cashback oder eine weiter sinkende Akzeptanz von Bargeld im Alltag sein. Für Verbraucherinnen und Verbraucher wäre das ein spürbarer Einschnitt.
Forderungen nach politischem Handeln
Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert daher klare politische Rahmenbedingungen. Bargeld müsse als grundlegendes Zahlungsmittel geschützt und seine Akzeptanz gesichert werden. Die Debatte gehe dabei über Fragen der Bequemlichkeit hinaus. Es gehe um Teilhabe, Wahlfreiheit und Versorgungssicherheit.
Auf europäischer Ebene gibt es Initiativen, die Bargeldnutzung langfristig abzusichern. Geplant ist unter anderem, dass Bargeldabhebungen im Handel künftig auch ohne Einkauf möglich sein sollen. Zudem sollen Verbraucher besser vor Gebühren und Missbrauch geschützt werden. Aus Sicht der Verbraucherzentralen reichen diese Schritte jedoch nicht aus, um einen Bargeld-Engpass zuverlässig zu verhindern.
Gefordert wird unter anderem eine gesetzlich verankerte Bargeldakzeptanz in zentralen Bereichen des Alltags – etwa im Einzelhandel, an Automaten oder bei öffentlichen Dienstleistungen. Ausnahmen sollen klar definiert und transparent geregelt sein. Ziel ist es, Bargeld nicht zur Ausnahme, sondern zur verlässlichen Option zu machen.
Bargeld und soziale Teilhabe
Besonders deutlich wird die Brisanz der Debatte beim Blick auf soziale Auswirkungen. Nicht alle Menschen können oder wollen digital bezahlen. Ältere Menschen, Kinder, Personen ohne Bankkonto oder ohne Zugang zu digitalen Endgeräten sind auf Bargeld angewiesen. Für sie bedeutet ein Bargeld-Engpass nicht nur Unbequemlichkeit, sondern reale Einschränkungen im Alltag.
Rückmeldungen aus einer Online-Befragung der Verbraucherzentralen zeigen, dass Barzahlungen in vielen Situationen zunehmend erschwert werden. Selbst kleine Beträge lassen sich mancherorts nur noch bargeldlos begleichen. Was für einen Teil der Bevölkerung kaum ins Gewicht fällt, kann für andere zur Hürde werden – etwa beim Bäcker, im öffentlichen Nahverkehr oder bei Veranstaltungen.
Der Rückgang der Bargeldakzeptanz trifft damit nicht alle gleich. Er verschärft bestehende Ungleichheiten und stellt die Frage, wie inklusiv der Zahlungsverkehr der Zukunft sein soll. Der Bargeld-Engpass ist in diesem Sinne nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema.
Zwischen Effizienz und Verantwortung
Für den Handel steht die Debatte zwischen Effizienz und Verantwortung. Digitale Zahlungen sind schneller, günstiger und einfacher zu handhaben. Bargeld hingegen verursacht Kosten, Sicherheitsaufwand und logistische Herausforderungen. Dennoch übernehmen Händler mit Cashback-Angeboten faktisch Aufgaben, die früher Banken vorbehalten waren.
Diese Verschiebung macht deutlich, wie sehr sich die Rollen im Zahlungsverkehr verändert haben. Der Bargeld-Engpass ist kein singuläres Ereignis, sondern das Resultat eines Systems, das sich neu sortiert. Ob der Handel diese Rolle dauerhaft tragen kann und will, ist offen – ebenso wie die Frage, wie viel Verantwortung der Staat übernehmen muss.
Bargeld als Gradmesser gesellschaftlicher Stabilität
Die Diskussion um Cashback und Bargeld-Engpass berührt einen sensiblen Punkt: Bargeld steht für Verlässlichkeit, Anonymität und Unabhängigkeit. Sein schleichender Bedeutungsverlust vollzieht sich leise, aber mit weitreichenden Folgen. Solange Bargeld noch funktioniert, bleibt der Wandel unscheinbar. Erst dort, wo es fehlt, wird seine Bedeutung sichtbar.
Die Warnungen der Verbraucherzentralen zielen deshalb weniger auf einen akuten Notstand als auf die Notwendigkeit, rechtzeitig gegenzusteuern. Der Bargeld-Engpass ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern eine reale Möglichkeit, wenn bestehende Trends ungebremst fortschreiten. Wie Deutschland darauf reagiert, wird darüber entscheiden, welche Rolle Bargeld im Alltag künftig noch spielt.