Vier Ausfälle in nur drei Etappen haben das Team Lotto Intermarché Ladies bei der Tour de France Femmes auf drei Fahrerinnen reduziert. Linda Riedmann gehört zu den Verbliebenen und setzte mit Platz zehn auf der zweiten Etappe dennoch ein sportliches Ausrufezeichen. Für die kommenden Renntage stellt sich nun vor allem die Frage, wie lange das geschrumpfte Team seine taktischen Aufgaben noch auffangen kann.

DIJON, 4. August 2026. Die Tour de France Femmes hat für Linda Riedmann früh eine unerwartete Wendung genommen. Noch bevor das Rennen seine entscheidenden Etappen erreicht, ist ihr Team Lotto Intermarché Ladies personell stark geschwächt. Von sieben gestarteten Fahrerinnen sind nach drei Renntagen nur noch Riedmann, Romina Hinojosa und Sandrine Tas im Rennen.

Elisabeth Ebras, Marieke Meert, Sterre Vervloet und Dina Boels mussten die Rundfahrt bereits aufgeben. Damit hat Lotto Intermarché innerhalb kürzester Zeit mehr als die Hälfte seines Aufgebots verloren. Die zugespitzte Frage, ob Riedmann bald allein sein könnte, beschreibt die angespannte Lage zwar treffend, entspricht aber nicht dem aktuellen Stand: Zwei Teamkolleginnen fahren weiterhin an ihrer Seite.

Vier Ausfälle verändern die gesamte Teamstrategie

In einer großen Rundfahrt ist die Zahl der verbliebenen Fahrerinnen mehr als eine statistische Größe. Jede Aufgabe verändert die Rollen im Team. Helferinnen fehlen bei der Positionierung im Feld, beim Heranführen an entscheidende Rennphasen, bei der Versorgung mit Getränken oder bei der Nachführarbeit. Gerade auf langen und hektischen Etappen kann ein geschrumpftes Aufgebot schnell zum sportlichen Nachteil werden.

Bei Lotto Intermarché Ladies kommen mehrere Belastungsfaktoren zusammen. Nach Angaben der Sportschau führte Riedmann die Aufgabe von Sterre Vervloet auf einen Hitzschlag zurück. Elisabeth Ebras habe unter muskulären Beschwerden gelitten, Marieke Meert sei gestürzt. Dina Boels war bereits auf der ersten Etappe zu Fall gekommen und schied während der dritten Etappe aus.

Die Ausfälle lassen sich damit nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Es waren nicht allein die hohen Temperaturen, die das Team dezimierten. Stürze, körperliche Probleme und die Hitze der ersten Renntage trafen die Mannschaft zugleich. Nach Darstellung der Sportschau lagen die Temperaturen wiederholt über 35 Grad.

Für die verbliebenen Fahrerinnen bedeutet das zusätzliche Verantwortung. Aufgaben, die zuvor auf sieben Schultern verteilt waren, müssen nun von drei Athletinnen übernommen werden. Das gilt besonders auf Etappen, auf denen taktische Abstimmung und gegenseitige Unterstützung über Kraftreserven und Positionen entscheiden.

Linda Riedmann nutzt ihre Chance im Sprint

Trotz der schwierigen Ausgangslage gelang Linda Riedmann auf der zweiten Etappe ein bemerkenswertes Ergebnis. Auf dem Teilstück von Aigle nach Genf belegte sie den zehnten Platz. Es war zu diesem Zeitpunkt das beste Ergebnis einer deutschen Fahrerin bei der Tour de France Femmes 2026 und zugleich Riedmanns bislang stärkste Etappenplatzierung bei diesem Rennen.

Der zehnte Rang ist mehr als ein Achtungserfolg. Er zeigt, dass die 23-Jährige nicht nur als Helferin angetreten ist, sondern eigene Chancen nutzen kann. Bei Lotto Intermarché Ladies erhält sie größere Freiheiten als bei ihrer ersten Teilnahme an der Tour de France Femmes im Jahr 2024, als sie für Visma–Lease a Bike fuhr.

Seit dieser Saison steht Riedmann beim belgischen Team unter Vertrag. Bereits vor der Tour hatte sie mit einem Etappensieg bei der Volta a Portugal Feminina auf sich aufmerksam gemacht. Das Ergebnis in Genf fügt sich in diese Entwicklung ein: Riedmann kann sich in schnellen und unübersichtlichen Rennsituationen behaupten, wenn sie gut positioniert in die entscheidende Phase kommt.

Genau darin liegt nun jedoch das Problem. Eine Fahrerin kann gute Beine haben und dennoch wertvolle Chancen verlieren, wenn ihr im Finale Unterstützung fehlt. Helferinnen halten eine Kapitänin aus dem Wind, bringen sie nach Positionsverlusten zurück ins Feld oder sorgen dafür, dass sie vor einer Kurve oder einem Anstieg nicht eingeklemmt wird. Mit nur noch drei Fahrerinnen wird jede dieser Aufgaben schwieriger.

Mehr Freiheit, aber weniger Unterstützung

Der personelle Aderlass kann Riedmanns Rolle auf widersprüchliche Weise verändern. Einerseits dürfte ihr sportliches Gewicht innerhalb des Teams steigen. Nach Platz zehn ist sie die auffälligste verbliebene Lotto-Fahrerin dieser Tour. Andererseits sinken mit jeder Aufgabe die Möglichkeiten, ihre Ambitionen taktisch abzusichern.

Ob das Team seine Ausrichtung für die kommenden Etappen verändert, war zunächst nicht bekannt. Eine offizielle neue Rollenverteilung lag nicht vor. Fest steht nur, dass Lotto Intermarché nun mit deutlich weniger Optionen reagieren kann. Sollte eine Fahrerin früh zurückfallen oder zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen, bleiben kaum Alternativen.

Die Hitze belastet auch andere deutsche Fahrerinnen

Die Probleme der ersten Etappen beschränken sich nicht auf Lotto Intermarché Ladies. Auch Franziska Koch berichtete über ungewöhnliche körperliche Reaktionen. Nach Angaben der Sportschau war ihre Herzfrequenz auffällig hoch, zugleich fehlte ihr die gewohnte Leistung.

Koch und ihr Umfeld vermuteten einen Zusammenhang mit der Hitze. Eine medizinisch gesicherte Erklärung gab es jedoch nicht. Die Belastung durch hohe Temperaturen liegt als Ursache nahe, darf aber nicht mit einer bestätigten Diagnose gleichgesetzt werden.

Im Rennen übernimmt Koch eine andere Aufgabe als Riedmann. Die deutsche Meisterin fährt als Helferin für Demi Vollering, die zu den Favoritinnen auf den Gesamtsieg zählt. Auf der dritten Etappe beteiligte sich Koch an der Nachführarbeit, nachdem sich die spätere Siegerin Sigrid Haugset abgesetzt hatte.

Während Riedmann stärker auf eigene Etappenergebnisse zielen kann, ist Koch in die Arbeit für die Kapitänin eingebunden. Beide Fahrerinnen stehen damit exemplarisch für unterschiedliche Rollen innerhalb einer Tour-Mannschaft: die eine mit Freiheiten für eigene Resultate, die andere mit klaren Aufgaben im Dienst der Gesamtwertung.

Das Einzelzeitfahren verschiebt die Kräfteverhältnisse

Die vierte Etappe führt über 21 Kilometer von Gevrey-Chambertin nach Dijon. Im Einzelzeitfahren tritt jede Fahrerin allein gegen die Uhr an. Windschatten, Helferarbeit und taktische Unterstützung durch Teamkolleginnen spielen während des Rennens kaum eine Rolle.

Für Lotto Intermarché ist das zunächst ein Vorteil. Die geringe Teamstärke fällt auf dieser Etappe weniger ins Gewicht als im Massenstart. Entscheidend sind die individuelle Form, die aerodynamische Position und eine gleichmäßige Einteilung der Kräfte.

Auf den folgenden Teilstücken dürfte sich die dünne Personaldecke jedoch erneut bemerkbar machen. Sobald das Feld gemeinsam unterwegs ist, gewinnt die Mannschaftsstärke wieder an Bedeutung. Dann zeigt sich, ob Riedmann, Hinojosa und Tas die Aufgaben einer deutlich größeren Equipe zumindest teilweise auffangen können.

Zum Zeitpunkt der Recherche standen Linda Riedmann und Franziska Koch weiterhin auf der Startliste für das Zeitfahren. Ergebnisse lagen noch nicht vor und können deshalb nicht in die sportliche Bewertung einfließen.

Ein starkes Ergebnis ändert nichts an der schwierigen Lage

Linda Riedmann hat mit ihrem zehnten Platz gezeigt, dass sie bei der Tour de France Femmes um vordere Etappenränge fahren kann. Das sportliche Signal ist klar. Ebenso klar ist aber, dass Lotto Intermarché Ladies nach vier Ausfällen nur noch eingeschränkt handlungsfähig ist.

Riedmann fährt nicht allein. Doch sie und ihre beiden verbliebenen Teamkolleginnen tragen nun die Aufgaben eines ursprünglich siebenköpfigen Aufgebots. Hitze, Stürze und körperliche Beschwerden haben das Team früh ausgedünnt. Wie lange das Trio die zusätzliche Belastung auffangen kann, dürfte zu einer der entscheidenden Fragen für den weiteren Verlauf ihrer Tour werden.