Ein tiefer Einschnitt Zalando schließt Logistikstandort Erfurt: Tausende Arbeitsplätze betroffen

In Wirtschaft
Januar 08, 2026

Erfurt/Berlin, 08. Januar 2026 – Die Nachricht trifft viele ohne Vorwarnung. Zwischen Förderbändern, Hochregalen und Schichtplänen breitet sich am traditionsreichen Logistikstandort in Erfurt spürbare Verunsicherung aus. Was über Jahre als verlässlicher Arbeitgeber galt, steht nun vor dem Aus.

Der Online-Modehändler Zalando wird sein Logistik- und Fulfillmentzentrum in Erfurt schließen. Das Unternehmen bestätigte, dass der Standort bis Ende September 2026 aufgegeben werden soll. Rund 2.700 Beschäftigte sind von der Entscheidung betroffen. Für Erfurt bedeutet die Ankündigung nicht nur den Verlust eines der größten privaten Arbeitgeber, sondern auch einen markanten Einschnitt in die wirtschaftliche Struktur der Region.

Strategische Neuordnung statt Einzelfallentscheidung

Die Schließung des Standorts ist nach Angaben des Konzerns Teil einer umfassenden Neuausrichtung des europäischen Logistiknetzwerks. Zalando ordnet seine Strukturen im Zuge der Übernahme des Modehändlers About You neu. Ziel sei es, bestehende Kapazitäten effizienter zu bündeln und das Netzwerk langfristig leistungsfähiger aufzustellen.

Im Rahmen dieser Neuausrichtung überprüfte das Unternehmen sämtliche Logistikstandorte. Dabei fiel die Entscheidung, den Betrieb in Erfurt nicht fortzuführen. Zusätzlich sollen mehrere Logistikzentren im Ausland, die von externen Dienstleistern betrieben werden, geschlossen oder deren Verträge nicht verlängert werden. Zalando spricht von einer notwendigen Anpassung an veränderte Marktbedingungen und neue unternehmerische Anforderungen.

Ein zentraler Standort für Ostdeutschland

Das Logistikzentrum in Erfurt wurde im Jahr 2012 eröffnet und entwickelte sich rasch zu einem der wichtigsten Drehkreuze im europäischen Versandnetz des Konzerns. Über Jahre hinweg war es der größte Zalando-Standort in Ostdeutschland und beschäftigte mehrere tausend Menschen in unterschiedlichsten Bereichen – von der Warenannahme über Kommissionierung bis hin zu Versand und Verwaltung.

Für viele Beschäftigte bedeutete der Standort langfristige Beschäftigungsperspektiven und einen stabilen Einstieg in die Logistikbranche. Die Schließung trifft daher nicht nur einzelne Arbeitnehmer, sondern ganze Familien und das soziale Gefüge der Region.

Gespräche mit Betriebsrat und soziale Absicherung

Zalando hat angekündigt, frühzeitig Gespräche mit dem Betriebsrat aufzunehmen. Ziel ist die Ausarbeitung eines Interessenausgleichs sowie eines Sozialplans. Nach Unternehmensangaben sollen diese Verhandlungen dazu beitragen, die Folgen für die Beschäftigten abzufedern und Übergangslösungen zu ermöglichen.

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Der operative Betrieb am Standort soll bis zur geplanten Schließung unverändert fortgeführt werden. Der Konzern betont, dass es bis September 2026 keine Einschränkungen im laufenden Geschäft geben soll. Für die Belegschaft bedeutet das vorerst Planungssicherheit – zugleich aber eine lange Phase der Ungewissheit.

Kritische Reaktionen aus der Landespolitik

Die Ankündigung der Schließung löste in Thüringen deutliche Reaktionen aus. Wirtschaftsministerin Colette Boos-John äußerte sich öffentlich überrascht über den Schritt des Unternehmens. Sie kritisierte, dass das Land und die regionalen Akteure erst spät über die Entscheidung informiert worden seien.

Nach ihrer Darstellung sei es unüblich, einen derart weitreichenden Schritt ohne frühzeitige Abstimmung mit der Landesregierung vorzubereiten. Die Ministerin kündigte Gespräche mit dem Unternehmen und der Stadt Erfurt an, um mögliche Perspektiven für den Standort und die Beschäftigten zu erörtern.

Zugleich betonte Boos-John, dass Thüringen weiterhin ein attraktiver Logistikstandort bleibe. Andere Unternehmen der Branche seien weiterhin auf Wachstumskurs und suchten qualifizierte Arbeitskräfte. Dies könne mittelfristig neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen, wenngleich der Verlust eines Großarbeitgebers nicht kurzfristig kompensiert werden könne.

Bedeutung für Stadt und Region

Für die Landeshauptstadt Erfurt ist die Schließung des Zalando-Logistikzentrums ein wirtschaftlicher Rückschlag. Über Jahre hinweg trug der Standort erheblich zur regionalen Wertschöpfung bei. Neben den direkten Arbeitsplätzen profitierten auch Zulieferer, Dienstleister und die kommunale Infrastruktur.

Stadtvertreter zeigen sich besorgt über die Auswirkungen, zugleich aber entschlossen, nach neuen Nutzungskonzepten für das Areal zu suchen. In Gesprächen mit dem Land und potenziellen Investoren soll geprüft werden, wie der Standort langfristig wiederbelebt werden kann.

Umbau des Logistiknetzwerks als Konzernstrategie

Zalando selbst bezeichnet die Entscheidung als schwierig, aber notwendig. Der Konzern verweist darauf, dass er künftig 14 Logistikzentren in sieben europäischen Ländern betreiben will. Diese sollen geografisch strategisch verteilt sein und moderne, effiziente Abläufe ermöglichen.

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Im Fokus stehen laut Unternehmen Investitionen in Automatisierung, Digitalisierung und nachhaltige Logistiklösungen. Die Konzentration auf weniger, dafür leistungsfähigere Standorte soll helfen, Kosten zu senken und gleichzeitig den steigenden Anforderungen des Onlinehandels gerecht zu werden.

Ein Symbol für den Wandel im Onlinehandel

Die Schließung des Logistikstandorts in Erfurt steht exemplarisch für die tiefgreifenden Veränderungen in der europäischen Handelslandschaft. Der Onlinehandel befindet sich in einer Phase der Konsolidierung. Unternehmen überprüfen Strukturen, verschlanken Netzwerke und reagieren auf veränderte Konsumgewohnheiten sowie steigenden Kostendruck.

Für die Beschäftigten in Erfurt beginnt damit eine Phase des Übergangs, geprägt von Unsicherheit, aber auch von der Hoffnung auf neue Perspektiven. Für Politik und Wirtschaft stellt sich die Aufgabe, diesen Wandel aktiv zu begleiten und neue Impulse für die Region zu setzen.

Was heute als schmerzhafter Einschnitt wahrgenommen wird, könnte langfristig Teil eines umfassenderen Strukturwandels sein. Ob es gelingt, den Verlust des Zalando-Standorts in Erfurt durch neue wirtschaftliche Impulse auszugleichen, wird maßgeblich davon abhängen, wie eng Unternehmen, Politik und soziale Partner in den kommenden Monaten zusammenarbeiten. Sicher ist nur: Die Entscheidung markiert einen Wendepunkt – für Zalando ebenso wie für die Stadt Erfurt.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.