Amazon will sein Satellitennetz deutlich erweitern und künftig kompatible Smartphones direkt aus dem All versorgen. Für Amazon Leo hat der Konzern in den USA eine Konstellation mit bis zu 5.105 zusätzlichen Satelliten beantragt. Der Aufbau soll 2028 beginnen – offen sind bislang der Marktstart, unterstützte Geräte, Mobilfunkpartner und die Verfügbarkeit in Europa.
SEATTLE, 28. Juli 2026. Amazon treibt den nächsten Ausbau seines Satellitengeschäfts voran. Unter dem Namen Amazon Leo plant der Konzern ein eigenständiges Direct-to-Device-Netz, das Mobiltelefone und andere geeignete Geräte unmittelbar mit Satelliten im niedrigen Erdorbit verbinden soll. Vorgesehen sind Telefonie, Nachrichten, mobile Daten und Notfallkommunikation – vor allem dort, wo klassische Mobilfunknetze fehlen oder ausfallen.
Bis daraus ein nutzbares Angebot wird, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Amazon hat bei der US-Telekommunikationsbehörde FCC zunächst die Genehmigung für die neue Konstellation beantragt. Eine Freigabe liegt bislang nicht vor. Auch einen konkreten Termin für den kommerziellen Betrieb nennt das Unternehmen nicht. Fest steht lediglich: Die ersten Starts sollen nach derzeitiger Planung ab 2028 erfolgen.
Amazon Leo plant mehr als 5.000 Satelliten
Das beantragte Direct-to-Device-System von Amazon Leo soll aus höchstens 5.105 Satelliten bestehen. Sie sollen auf mehreren Umlaufbahnen in Höhen zwischen etwa 510 und 580 Kilometern verteilt werden. Unterschiedliche Bahnneigungen sollen dafür sorgen, dass mittlere, hohe und polnahe Breitengrade abgedeckt werden können.
Der technische Anspruch ist groß. Amazon Leo soll nicht nur kurze Textnachrichten übertragen, sondern auch Sprachverbindungen, mobile Daten und Notfalldienste ermöglichen. Denkbar sind darüber hinaus Verbindungen zu Fahrzeugen, industriellen Anlagen und anderen vernetzten Geräten.
Im Mittelpunkt stehen Regionen, in denen der Ausbau terrestrischer Mobilfunknetze aufwendig oder wirtschaftlich kaum darstellbar ist. Hinzu kommen Katastrophenlagen, in denen Funkmasten beschädigt oder Strom- und Datennetze unterbrochen sind. Amazon positioniert das Satellitensystem deshalb ausdrücklich als Ergänzung bestehender Mobilfunknetze.
Was bislang feststeht
- Amazon Leo hat bis zu 5.105 Direct-to-Device-Satelliten beantragt.
- Der Aufbau der neuen Konstellation soll ab 2028 beginnen.
- Geplant sind Telefonie, Nachrichten, mobile Daten und Notfallkommunikation.
- Die Verbindung soll direkt zu kompatiblen Mobilgeräten erfolgen.
- Mobilfunkanbieter sollen als Partner in das System eingebunden werden.
Direkte Verbindung heißt nicht: jedes Smartphone funktioniert
Die Ankündigung klingt nach Mobilfunkempfang an jedem Ort. Tatsächlich bleibt vorerst offen, welche Geräte Amazon Leo überhaupt unterstützen wird. Das Unternehmen spricht von kompatiblen Mobiltelefonen und satellitenfähigen Chipsätzen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jedes heute erhältliche Smartphone ohne technische Anpassung auf das Netz zugreifen kann.
Unklar ist auch, ob bereits verkaufte Geräte später per Softwareupdate freigeschaltet werden könnten oder ob neue Modems und Antennen nötig sind. Eine Liste geeigneter Smartphones gibt es bislang nicht. Ebenso fehlen Angaben zu Tarifen, Datenvolumen, Roaming oder möglichen Zusatzkosten.
Auch zur tatsächlichen Leistung hält sich Amazon zurück. Belastbare Angaben zu Datenraten, Latenzen oder Kapazitäten pro Funkzelle liegen nicht vor. Gerade bei vielen gleichzeitigen Nutzern dürfte entscheidend sein, wie viel Bandbreite ein einzelner Satellit bereitstellen kann.
Hinzu kommt eine physikalische Grenze: Satellitenverbindungen benötigen möglichst freie Sicht zum Himmel. Wie zuverlässig Amazon Leo in Gebäuden, dicht bebauten Innenstädten, Fahrzeugen, Waldgebieten oder tief eingeschnittenen Tälern funktionieren könnte, ist noch nicht belegt.
| Bereich | Aktueller Stand |
|---|---|
| Satellitenzahl | Bis zu 5.105 zusätzliche Direct-to-Device-Satelliten |
| Beginn des Aufbaus | Ab 2028 vorgesehen |
| Dienste | Telefonie, Nachrichten, mobile Daten und Notfallkommunikation |
| Unterstützte Geräte | Kompatible Smartphones und andere geeignete Mobilgeräte |
| Tarife und Netzpartner | Noch nicht bekannt |
| Start in Deutschland | Kein Termin genannt |
Zwei Satellitennetze mit unterschiedlichen Aufgaben
Das neue Smartphone-Netz ist nicht identisch mit dem bereits im Aufbau befindlichen Breitbandsystem von Amazon Leo. Dieses soll Haushalte, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen mit schnellem Internet versorgen. Dafür sind spezielle Empfangsantennen erforderlich.
Die Direct-to-Device-Konstellation verfolgt einen anderen Ansatz: Sie soll unmittelbar mit geeigneten Mobiltelefonen und kompakten Endgeräten kommunizieren. Beide Systeme sollen parallel betrieben werden, erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben.
Amazon hatte zum Zeitpunkt der Ankündigung bereits rund 390 Breitbandsatelliten im Orbit. Erste stationäre Angebote sind noch für 2026 in ausgewählten Regionen vorgesehen. Diese Satelliten gehören jedoch nicht zu den nun beantragten 5.105 Direct-to-Device-Satelliten. Die Zahlen dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden.
Signalverarbeitung im All
Amazon Leo plant eine technisch anspruchsvolle Infrastruktur. Die Satelliten sollen Funksignale teilweise bereits an Bord verarbeiten. Über optische Verbindungen sollen Daten zwischen den einzelnen Satelliten weitergeleitet werden, bevor sie eine Bodenstation erreichen.
Für die direkte Kommunikation mit Mobilgeräten sind Frequenzen im L- und S-Band vorgesehen. Die Anbindung an Bodenstationen soll über leistungsfähigere Frequenzbereiche erfolgen. Ob Amazon diese Frequenzen in allen gewünschten Märkten nutzen darf, hängt von weiteren regulatorischen Verfahren ab.
Eine Genehmigung durch die FCC würde zunächst vor allem den US-Markt betreffen. Für Deutschland und andere europäische Staaten wären zusätzliche Abstimmungen und Zulassungen nötig. Wann Amazon Leo hierzulande verfügbar sein könnte, lässt sich derzeit nicht seriös absehen.
Globalstar soll Amazon Zugang zu Technik und Frequenzen verschaffen
Der Ausbau von Amazon Leo steht in engem Zusammenhang mit der geplanten Übernahme des Satellitenbetreibers Globalstar. Amazon hatte das Geschäft im April 2026 angekündigt. Globalstar verfügt über eigene Satelliten, Bodenstationen, Betriebserfahrung und wichtige Frequenzrechte.
Für Amazon wäre die Übernahme strategisch bedeutsam. Der Konzern müsste nicht sämtliche Infrastruktur und alle regulatorischen Beziehungen von Grund auf neu aufbauen. Noch ist die Transaktion allerdings nicht abgeschlossen; sie steht unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen.
Globalstar arbeitet bereits an direkten Satellitenverbindungen für Mobilgeräte. Das Unternehmen stellt die technische Grundlage für bestimmte satellitengestützte Funktionen von iPhone und Apple Watch bereit. Dazu gehören Notfallnachrichten, Standortdienste und Pannenhilfe.
Amazon und Apple haben vereinbart, diese Zusammenarbeit nach einer Übernahme fortzusetzen und später auch Kapazitäten von Amazon Leo einzubeziehen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Apple-Geräte schon heute das neue Amazon-Netz verwenden. Die derzeit verfügbaren Dienste laufen über bestehende und geplante Systeme von Globalstar.
Amazon trifft auf einen umkämpften Markt
Mit Amazon Leo steigt ein weiterer finanzstarker Anbieter in den Wettbewerb um direkte Satellitenverbindungen zu Smartphones ein. SpaceX arbeitet mit Starlink an ähnlichen Diensten. Auch AST SpaceMobile und Lynk Global verfolgen das Ziel, Mobiltelefone außerhalb klassischer Funknetze zu erreichen.
Der Wettbewerb entscheidet sich nicht allein an der Technik. Ebenso wichtig sind Frequenzrechte, Partnerschaften mit Mobilfunkkonzernen, regulatorische Genehmigungen und verfügbare Raketenstarts. Gerade der Transport mehrerer Tausend Satelliten könnte für Amazon Leo zum Engpass werden.
Amazon benötigt bereits für sein Breitbandnetz zahlreiche Starts. Die zusätzliche Direct-to-Device-Konstellation erhöht den Bedarf erheblich. Selbst wenn die Genehmigungen erteilt werden, dürfte der Aufbau Jahre dauern. Ein Start im Jahr 2028 bedeutet deshalb nicht automatisch, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein flächendeckender Dienst verfügbar ist.
Auch die wachsende Zahl von Satelliten im niedrigen Erdorbit wirft Fragen auf. Amazon gibt für die geplanten Systeme eine Betriebsdauer von sechs bis acht Jahren an. Vorgesehen sind aktive Ausweichmanöver und eine kontrollierte Absenkung am Ende der Lebensdauer. Wie sich diese Maßnahmen im Betrieb einer derart großen Konstellation bewähren, lässt sich erst nach dem tatsächlichen Aufbau beurteilen.
Aus einem Antrag muss erst ein Mobilfunknetz werden
Amazon Leo hat mit dem FCC-Antrag einen klaren Anspruch formuliert: Der Konzern will Mobilfunk aus dem All nicht auf Notrufe oder kurze Nachrichten beschränken, sondern perspektivisch auch Sprache und mobile Daten anbieten. Doch zwischen diesem Plan und einem marktreifen Dienst liegen Genehmigungen, technische Tests, Satellitenstarts und Verhandlungen mit Netzbetreibern.
Für Verbraucher bleibt deshalb vor allem eine nüchterne Einordnung. Amazon Leo will Smartphones künftig direkt mit Satelliten verbinden, kann diesen Dienst aber noch nicht allgemein anbieten. Ob daraus ein leistungsfähiges Ergänzungsnetz für Funklöcher und Krisensituationen entsteht, wird sich frühestens in den kommenden Jahren zeigen.





















